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THESEN
ZUR STADTKOMPOSITION
oder:
Wie bauen wir eine Stadt
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Bald
geht ein Jahrhundert der städtebaulichen Experimente zu
Ende, die im Bezug auf ihr Ausmaß und ihre eindeutige
Favorisierung von kühler und befremdender Abstraktheit
in der Architekturgeschichte einmalig sind.
Trotz der zahlreichen architektonischen Utopien ist es
in unserem Jahrhundert nicht gelungen, eine überzeugende
und verbindliche Vorstellung von der brauchbaren
“Stadt der Gegenwart” oder “Stadt der Zukunft”
zu schaffen.
Es ist auffällig, daß sämtliche Stadtvisionen der
letzten hundert Jahre auf abstrakt-intellektuellen
Theorien vom Funktionieren des städtischen Gefüges
basieren. Eines ist diesen vielfältigen Stadtkonzepten
aber ex negativo gemeinsam: ihre dezidierte Abweichung
von der traditionellen europäischen Stadt. Jener Stadt,
die als Wohn- oder Arbeitsadresse zusehends stärker
begehrt wird und Touristen magnetisch anzieht.
All diese vertrauten Städte und Ortschaften stammen
nicht aus unserem Jahrhundert, sind keine
“Kopfgeburten” oder Ergebnis einer abstrakten Idee.
Sie stellen vielmehr das Resultat eines durchgängigen
städtebaulichen Grundprinzips, der Block(rand)bebauung
dar (in ihren Varianten: offen, aufgelockert,
geschlossen). Diese Bebauungsart ergibt sich aus ähnlichen,
aneinandergereihten Einzelhäusern auf Grundstücksparzellen
mit ruhigen Höfen und geschäftigen Straßen.
Die Methode der Landaufteilungen zwischen vier Straßenkreuzungen
ist quer über alle Kontinente bis zu den Anfängen der
menschlichen Siedlungsgeschichte zurückzuverfolgen. Das
Haus selbst ist dabei je nach Lebensgewohnheit, Klima
und natürlichem Angebot von Baumaterial unendlich vielfältig
interpretiert worden. Wobei städtebauliche Überlegungen
von den geologischen Vorraussetzungen des
Bebauungslandes ebenso geleitet wurden, wie von der
Ordnung der Parzellen, ihrer Widmung zu bestimmten
Funktionen und der Abgrenzung des privaten vom öffentlichem
Grund.
Die Qualität der in Europa so abwechslungsreichen
baulichen Ensembles verdanken wir gerade der
Respektierung dieser Grundprinzipien. Deshalb vertreten
wir die Ansicht, daß die Kunst des Städtebaus nicht
nur aus Büchern zu erlernen ist, sondern durch die
Beobachtung der gebauten Wirklichkeit, die unsere
Kulturgeschichte in Form der komplexen Gesamtkunstwerke
zum menschlichen Zusammenleben hervorgebracht hat. Aus
diesem Grund leiten wir die Kriterien unserer Planung
bewußt aus Erfahrungen ab, die uns die gelungenen Städte
Europas vermitteln. Städte, die sowohl in ihrer
Struktur und Anlage, als auch durch ihre Gebäude und Häuser,
über Jahrhunderte hinweg Flexibilität und Anpassungsfähigkeit,
Attraktivität und Wertbeständigkeit unter Beweis
stellen. Dem gegenüber vermögen Bauten der
Nachkriegszeit kaum eine Generation zu überdauern und
weichen neuen, “marktgerechten” - und darum ebenso
zur Kurzlebigkeit verurteilten - Konstruktionen, ohne daß
man ihr Verschwinden bemerkt oder gar bedauert.
Natürlich verbirgt sich hinter diesen Gedanken kein
verklärt-nostalgischer Blick auf ästhetische
Stadtraum-Qualitäten, sondern die Überzeugung, daß
auch soziale Probleme unserer Zeit durch den Verlust
oder die Mißachtung dieser Stadtbaukunst mitverursacht
worden sind. Es ist wohl nicht zu bestreiten, daß die
aus den Fugen geratenen Modelle zeitgenössischer
Urbanistik mit den Zerfallserscheinungen der modernen
Gesellschaft in eindeutigem Zusammenhang stehen.
Ausgangspunkt unserer Planungsmethodik ist also die
Gestalt der Stadt, ihr bauliches Gefüge, sowie ihre räumliche
und funktionale Organisation. So versuchen wir, die
Vorraussetzung für die Entstehung einer Urbanität zu
schaffen, die Ausgangspunkt ist für ein harmonisches
Zusammenleben der Menschen.
Das Modell für eine brauchbare Stadt bietet uns, wie
gesagt, die Baugeschichte in Form der klassischen europäischen
Stadt. Oft wird die Meinung vertreten, diese Städte
mitsamt ihren anerkannten Qualitäten seien “organisch
gewachsen”, und taugten somit nicht mehr als Vorbild für
den heutigen Städtebau. Eine merkwürdige Behauptung,
die impliziert, daß die Städte unserer Vorfahren
Produkte des Zufalls waren und nicht Ergebnis bewußten
künstlerischen und politischen Handelns. Tatsache ist
sehr wohl, daß das Städtische dort im wesentlichen
durch die Vielzahl der einzelnen Familien, aus dem Adel,
dem Groß- und Kleinbürgertum und der Handwerkerschicht
getragen wurde und jedes einzelne Gebäude ganz bewußter
Ausdruck eines Bauherrn war. So spiegeln die vielfältigen
Fassaden beispielsweise den Drang nach Selbstdarstellung,
den Ehrgeiz einer Familie, ein Streben nach dem Schönen
und auch gesundes Konkurrenzbewußtsein. Ohne ein übergeordnetes
städtebauliches Konzept, das im einzelnen ausgeführt,
abgewandelt, bereichert und besonderen Situationen
angepaßt wurde, sind die genannten Leistungen aber
nicht vorstellbar.
Die beiden wesentlichen Funktionen des traditionellen Städtebaus
- Stadtplanung und Architektur - müssen heute ganz bewußt
durch die sogenannten Planungsbeteiligten erfüllt
werden, da der einzelne private Bauherr am Baugeschehen
kaum noch beteiligt ist. Selbstverständlich ist uns
bewußt, daß diese unsere Idealvorstellungen zum Teil
an die Grenzen dessen stoßen, was Planer, politisch
Verantwortliche, Investoren, Bauträger und Kaufleute zu
vertreten gewohnt sind. Eine Stadt mit Lebensqualität
kann aber nur dort entstehen, wo die am Bauprozeß
Beteiligten sich über dieses Konzept und dessen
“inneren Sinn” verständigt haben.
Wir werden im folgenden Abschnitt versuchen, unsere
wichtigsten Begriffe zu klären und das Bild einer Stadt
auszubreiten, die wir wiedergewinnen möchten:
- Eine Ortschaft unterscheidet sich klar von der sie
umgebenden Landschaft. Der Übergang von “Land”-schaft
zu “Ort”-schaft erfolgt also nicht fließend,
sondern ist durch die Gebäude der Randlage klar
begrenzt.
- Hauptbaustein jeder Ortschaft ist das Haus. Die
Gruppierung von einzelnen Häusern zu Baublöcken ergibt
kleinere Nachbarschaften, die wiederum als zusammenhängendes
System ein Wohnviertel bilden.
- Jedes Viertel weist einen zentralen Platz auf, den
Brennpunkt der öffentlichen Räume.
- Jedes Haus wird mit seiner Fassade samt Dach als
autarke ästhetische Einheit verstanden.
- Für alle Bauteile, die öffentliche Räume bilden,
gibt es verbindliche Normen der Gestaltung. Dazu gehören
vordergründig die Materialisierung der Fassade, die
Proportion der Öffnungen und die Dachform.
- Die Addition der einzelnen Häuser entlang einer
Blockkante erzeugt im Vis-à-Vis den Straßenraum.
Dieser öffentliche Straßenraum soll physisch möglichst
intensiv erlebbar gemacht werden.
- Straßenräume sollen durch die flankierenden Häuser,
so es geht, “umschlossen” sein. Besondere Bedeutung
kommt hierbei dem Eck-Haus oder dem Hausensemble an der
Blockecke zu.
- Straßenräume sollen den engstmöglichen Querschnitt
aufweisen. Demnach gilt es, die Straße als reinen
Verkehrsträger zu entmonopolisieren und sie als
Vereinigung aller Lebensbereiche einer Ortschaft neu zu
beleben.
- Der öffentliche Straßenraum muß sich deutlich von
den privaten Bereichen unterscheiden.
- Raumästhetische wie funktionelle Bedeutung erfährt
der öffentliche Straßenraum als Platz. Die einen Platz
begrenzende Bebauung soll die größtmögliche Vielfalt
an Nutzungen beinhalten.
- Es ist eine Verknüpfung der verschiedensten Lebens-
und Tätigkeitsbereiche anzustreben. Je enger Wohnungen,
Arbeitsstätten, Kultureinrichtungen in räumlichen
Zusammenhang gebracht werden, desto positiver ist der
Einfluß auf die allgemeine Lebensqualität.
- Jede Chance, an einem öffentlichen Platz Arbeitsstätten,
Büros, Labors, Läden, kommunale und öffentliche
Funktionen, Freizeiteinrichtungen und Gaststätten
anzusiedeln muß genutzt werden. Dafür sollen Gebäudeteile
an logistisch prädestinierten Stellen baulich so
vorbereitet sein, daß derartige Nutzungen auch zu einem
durchaus sehr viel späteren Zeitpunkt erfolgen können.
- Größere zusammenhängende Ladenflächen und
Einkaufsmöglichkeiten werden als Ladenzeile oder
Markthalle organisiert. Spezialabteilungen innerhalb
einer Supermarkteinheit sollen in ihrer räumlichen
Organisation aus der nach innen gerichteten Struktur
herausgelöst und als attraktive Einzelläden zum öffentlichen
Raum hin orientiert werden.
- Jede Straße oder jeder Platz soll eine individuelle,
unverwechselbare raumgeometrische Identität erhalten.
Denn diese Stadträume sind nicht bloß Reste der von
den Baublöcken nicht beanspruchten Fläche, sondern Räume
mit eigener Qualität.
- Während Plätze auch ausschließlich in Stein
angelegt sein können, sind Straßenräume in der Regel
beidseitig mit Bäumen zu bepflanzen .
- Straßen und Plätze, die Stadträume also, sind nach
dem Grundsatz anzulegen, Geschlossenheit und Offenheit
zugleich zu vermitteln. Um dies zu erreichen, werden die
Ausgänge aus den Straßen mittels Verdeckungen, Verschränkungen
und Krümmungen räumlich so angeordnet, daß der
Charakter der “Umschließung” gewahrt bleibt.
- Jede Nachbarschaft hat neben dem architektonisch
markant gestalteten Hauptzugang auch noch weitere Zugänge.
So ist die Offenheit des Raumkontinuums gewährleistet.
Im Gesamtsystem der Straßen führt dies zu einem
abwechslungsreichen Angebot an alternativen Wegen.
- Straßen werden grundsätzlich in beide Richtungen
befahren. Einbahnstraßensysteme führen zu längeren
Verkehrswegen - sind also Verkehrserzeuger - und
verschlechtern die Orientierung der Verkehrsteilnehmer.
- Der zentrale Platz bleibt grundsätzlich dem Fußgänger
vorbehalten.
- Um den Schilderwald im öffentlichen Raum möglichst
klein zu halten, soll das Verkehrsverhalten in den Straßen
vorwiegend durch die stadträumliche Ausformung bestimmt
werden. So wird etwa die Verkehrsgeschwindigkeit primär
durch Raumgeometrien und durch die Oberflächengestaltung
der Verkehrswege beeinflußt.
- Das Parken im öffentlichen Raum soll möglichst
reduziert werden und großflächiges Parken im Stadtraum
ist grundsätzlich nicht erwünscht. Größere private
Parkflächen liegen in üppig begrünten Hofbereichen,
so daß die Fahrzeuge schwer einsehbar sind. Die Zufahrt
zu den Parkflächen erfolgt durch Torgebäude oder
anderweitig architektonisch gestaltete Tore.
- Die für Stellplätze vorgesehenen Hofflächen werden
so gestaltet, daß sie tagsüber den Kindern als
“Spielplatz” zur Verfügung stehen. Das
abenteuerliche “Spielen auf der Straße” ist
lehrreicher als die Beschäftigung mit zumeist
infantilem ”kindergerechten” Spielgerät.
Stadt und Urbanität
Die Begriffe “Stadt” und “urbaner Charakter”
sind nicht zu verwechseln mit Schlagworten wie: City,
Dienstleistungszentrum, Galeria, Plaza, Shoppingmall und
dergleichen.
Vielmehr wird der besagte Charakter durch eine relativ
kleine Parzellierung und eine möglichst große Vielfalt
an verschiedenen Nutzungen garantiert. Das schließt die
Vorstellung der Straßen als Aufenthaltsort für die
Bewohner ebenso ein wie die Möglichkeit, vom obersten
Geschoß aus noch den direkten Rufkontakt zur Straße zu
haben.
Fast alle traditionellen Kleinstädte und selbst Dörfer
besitzen mehr Urbanität und spannendere städtische
Dichte als wir dies in zeitgenössischen Stadtzentren zu
spüren vermögen. Urbanität ist also nicht per se eine
Frage von “Metropole”, von “steinerner Stadt”
oder von “Traufhöhen”. Urbanität ist für uns ein
positiv besetzter Begriff, unter dem wir den baulichen
Rahmen verstehen, der uns durch seinen menschlichen Maßstab
unbewußt anspricht und ein stadträumliches
Wohlbefinden auslöst.
Natürlich läuft unsere Philosophie nicht darauf
hinaus, die Stadt der Vergangenheit schlichtweg zu
kopieren. Aber wir sind davon überzeugt, daß das Bewußtsein
für den öffentlichen Raum bei der Schaffung neuer
Ortschaften, Siedlungen und Städte wiederbelebt werden
muß und daß dabei auf das Modell der traditionellen
Stadt nicht verzichtet werden kann.
Entscheidend in diesem “Prozeß der
Sensibilisierung” ist es, das vorgefundene Modell erst
verstehen zu lernen, um es dann in zeitgemäße
Bedingungen zu übersetzen. Im Interesse des
Grundgedankens müssen wir an den bewährten Leitideen
ansetzen und sie entsprechend den Anforderungen der
heutigen Gesellschaft übertragen.
Neben der kaufmännischen Anstrengung, eine möglichst
große Vielfalt von unterschiedlichen Nutzungen im öffentlichen
Raum anzubieten, gehört die Verwirklichung der größtmöglichen
architektonischen Vielfalt zu den vorrangigen Aufgaben
unserer Planung.
Die von uns praktizierte Methode ein derartig lebendiges
Bild zu erreichen (Ritterstraße, Berlin; Rauchstraße,
Berlin; Consuls De Mer, Montpellier; De Resident, Den
Haag; Kostverlorenvaart, Amsterdam; Noorderhof,
Amsterdam; Brandevoort, Helmond), besteht vor allem in
der Miteinbeziehung mehrerer Architekten an der
Verwirklichung der einzelnen Bauten innerhalb eines
fixierten städtebaulichen Planes.
Bei diesem Verfahren werden die einzelnen
Entwurfsaufgaben im Wechsel rund um einen Block an die
beteiligten Architekten vergeben. So entwerfen
unterschiedliche kreative Persönlichkeiten “in Baulücken”
und liefern damit die Basis für ein abwechslungreiches
Straßenbild.
Da unsere Architekturschulen und der gängige
Beauftragungsmodus von Architekten zunehmend auf das
spezialisierte Arbeiten im Team, aber nicht mehr auf das
Bauen im Ensemble ausgerichtet ist, bedarf es im
Planungsprozeß einer besonderen Verfahrensweise. Ein
Aspekt ist dabei zunächst die Auswahl der Architekten,
ein weiterer der Entwurfsprozeß selbst.
Diese Entwurfspraxis läßt uns wieder anknüpfen an die
Stadtgrundrisse der traditionellen europäischen Stadt,
die durch das viele Male aneinandergereihte Haus, seinen
Wechsel mit herausragenden Sondergebäuden und seiner
gestaltbildenden Funktion bei der Schaffung der Straßen-
und Platzräume geprägt ist.
Die einzelnen Gebäude sind vom ersten Entwurf an wie
Individuen zu behandeln. Sie gehorchen bestimmten
gemeinsamen Gestaltungsregeln. Dadurch wird der öffentliche
Raum ein relativ neutraler aber vielgestaltiger und
nicht ein von dominierenden Einzelbauten oder Großstrukturen
beherrschter Ort.
Der in unserem Jahrhundert geschaffene “Mythos der
Isolierung” (die wenig menschennahe “l’art pour
l’art”-Haltung zahlreicher Planer) muß grundlegend
hinterfragt werden. Längst ist eine kritische
Auseinandersetzung fällig mit der äußerst fragwürdigen
Anpreisung von einer Architektur, die in letzter
Konsequenz die Auslöschung der Stadt als Lebensumfeld
mit zu verantworten hat. Eine Planungstendenz übrigens,
die durch einen modischen Architekturjournalismus noch
verstärkt wird, der konsequent gerade solche Projekte
favorisiert, die das isolierte Produkt im quasi
“menschenleeren Raum” (die effektvolle Veröffentlichung
anstelle der Idee von “gebauter Umwelt”) am
radikalsten verwirklichen.
Das über Jahrhunderte bewährte Modell des öffentlichen
Raums und seiner Hauptelemente - Haus, Straße, Platz /
Wohnen, Arbeiten, Freizeit - muß wiederentdeckt werden,
damit das “Projekt Stadt” weiterentwickelt werden
kann.
rk · chk

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