Leseprobe

LEITSÄTZE ZUR ARCHITEKTUR

Folgende Leitsätze haben Gültigkeit,seit der Mensch das Bauen rational plant und Architektur als ästhetisches Produkt anstrebt, das Bauwerk über das Nützliche hinaus gestaltet.

   

1.

Funktion, Konstruktion und Gestalt
sind gleichberechtigte Faktoren, die gemeinsam die Architektur bestimmen. Keinem dieser Faktoren gebührt Vorrang vor dem anderen.
   

2.

Funktion und Konstruktion
sind Elemente nützlichen Charakters, deren Erfüllung beim Bauen eine Selbstverständlichkeit ist. Erst die ästhetische Überformung dieser Elemente läßt das Bauwerk als Architektur in Erscheinung treten.
   

3.

Die Mittel der ästhetischen Überformung sind:
Proportionierung - Strukturierung - Materialauswahl - Farbgestaltung sowie die künstlerischen Interpretationen dieser Mittel.
   

4.

Die Ästhetik
Der tiefere Sinn der Schönheit in der Architektur liegt im Bedürfnis des Menschen, seinen Nutzobjekten einen poetischen Inhalt zu verleihen, der späteren Generationen Zeugnis für den "Geist" dieser Epoche ablegt.
("...es ist nützlich, weil es schön ist..." Antoine de Saint-Exupéry)
   

5.

Die Geometrie
ist die Grundlage jeder architektonischen Artikulation. Architektur als organisierte Geometrie gewinnt ihre Kraft aus dem Gegensatz zur gewachsenen Natur, nicht durch die formale Anpassung an dieselbe. Sie ist eine Schöpfung des Menschen.
   

6.

Der Maßstab
in der Architektur muß sich nach der Größe des menschlichen Körpers sowie nach seinen Verhaltens-, Wahrnehmungs- und Empfindungsmustern richten und nicht allein nach technisch konstruktiven und ökonomischen Gesichtspunkten.
   

7.

Die Architektur der Stadt
Jede Neuplanung in der Stadt hat sich der Ordnung des Gesamtgefüges zu unterwerfen und in ihrer Gestalt eine formale Antwort auf die räumlichen Vorgaben zu leisten.
   

8.

Der Stadtraum
ist in der Stadtplanung des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten. Unsere neu gebauten Städte bestehen aus Ansammlungen frei stehender Bauten. Fünftausend Jahre Stadtbaugeschichte beweisen, daß die komplexen Strukturen von Straßen und Plätzen sich als Kommunikationszonen und Identifikationsträger bewährt haben. Auch in der modernen Stadt haben die traditionellen Stadtraumkonzepte ihre Gültigkeit.
   

9.

Die Geschichte
Die richtige Wertschätzung des geschichtlichen Erbes filtert die Erfahrungen der Vergangenheit zum Gewinn der Planungen für die Zukunft.
   

10.

Die Verantwortung des Architekten
Er allein ist verantwortlich für das Produkt, das auf seinem Zeichentisch entsteht und seine Unterschrift trägt. Weder Politiker noch Finanziers werden den Architekten die Verantwortung für eine verplante Umwelt abnehmen. Unsere Hochschulen haben die Pflicht, die kommenden Architektengenerationen auf diese erdrückende ethische und moralische Aufgabe vorzubereiten.